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Notdienst

Interview

„Für Tee muss man sich Zeit nehmen“

Ein Gespräch mit Dr. Peter Sandmann,
Apotheker aus München und ehrenamtlicher Pressesprecher für die Bayerische Landesapothekenkammer und den Bayerischen Apothekerverband.

Abendzeitung München vom 12 Januar 2019
Interview: Simone Maurer

Was Tee alles kann, wussten schon die alten Griechen und Römer. Und auch bei uns erlebt er inzwischen eine wahre Renaissance
Die Wirksamkeit von Tee als Arznei ist in den letzten Jahren zunehmend in Vergessenheit geraten. Womöglich auch, weil er Zeit braucht, um seine volle Wirkung zu entfalten. Dabei kann Tee viel und ist schonend für den Körper. Zeit, sich wieder mehr mit der Kraft des Tees zu beschäftigen.

AZ:
Herr Dr. Sandmann, Tee ist nicht gleich Tee. Welche Pflanzen kann man denn grundsätzlich zu Tee verarbeiten?

Dr. Peter Sandmann:
Zunächst einmal gibt es den schwarzen, grünen oder weißen Tee, der von der Teepflanze stammt. Diese wächst in Südamerika und vorwiegend in Indien. Des Weiteren spricht man von sogenannten Kräuter-, Arznei- oder auch WellnessTees, welche Auszüge aus Pflanzen, Samen, Wurzeln, Blättern oder auch Blüten enthalten, je nachdem welche Pflanze man verwenden möchte.
So gesehen könnte man eigentlich alle möglichen Pflanzen und ihre Bestandteile zu Tee, also zu einem wässrigen Auszug, verarbeiten. In der Vergangenheit gab es beispielsweise den sogenannten „Schierlingsbecher“, mit dem man Menschen umgebracht hat. Bei den Römern war er recht weit verbreitet und wurde dem Delinquenten mit der Anweisung gereicht, er möge ihn bitte austrinken. Das war ein Auszug aus einer giftigen Pflanze mit tödlicher Wirkung. Man könnte also aus jeder Pflanze eine Art Teeauszug machen, aber nicht alles tut gut und hat die richtige Wirkung.

AZ:
Wie weit geht die Geschichte des Tees zurück? Die Menschheit musste ja sicherlich auch ihre Erfahrungswerte mit der Wirkung des Tees machen?

Dr. Peter Sandmann:
Traditionell gibt es da sicher eine ganze Reihe von Erfahrungsmedizin. Sehr viel Wissen über Tee wurde im alten Griechenland gesammelt. Die Basis war letztendlich die Erfindung des Feuers und das Erhitzen von Wasser. Die Menschen haben dann recht schnell gemerkt, was ihnen guttut und was nicht.
Eine erste Hochzeit rund um das Wissen über Tee und seine Wirkung gab es bei den alten Griechen und den Römern und einen zweiten Höhepunkt so um die Zeit von Hildegard von Bingen, also im Hochmittelalter. Hier hat man sich dann schon relativ spezifisch mit der Wirkung von Tee und dem Aufbau der Pflanzen auseinandergesetzt. Apotheker sprechen von Teedrogen. Was bedeutet der Begriff und gibt er Aufschluss über die Wirksamkeit bestimmter Teesorten?
Die pharmazeutische Bezeichnung für getrocknete Pflanzen ist Droge. Als Teedrogen bezeichnet man also alle getrockneten Pflanzenbestandteile, die zu Tee verarbeitet werden sollen. Der Begriff weist zwar keine Unterscheidung zu bewusstseinserweiternden Drogen, also Rauschgift auf, hat aber damit überhaupt nichts zu tun und lässt auch nicht auf die Wirkung schließen.

AZ:
Welche Teesorten haben eine besonders starke Wirkung auf den menschlichen Körper?

Dr. Peter Sandmann:
Es gibt eine ganze Reihe von Teedrogen, die unterschiedliche und teilweise recht starke Wirkungen auf den Körper haben. Baldrian beispielsweise, den es ja auch in Tablettenform gibt, hat als Tee eine deutlich einschläfernde und durchschlafende Wirkung. Des Weiteren gibt es den Thymian, der super bei allen Bronchialerkrankungen ist, Goldrutenkraut, das Blase und Niere durchspült; letztendlich findet man eine ganze Reihe von Pflanzen, die eine ausgeprägte Wirkung auf den menschlichen Körper haben. Das geht hin bis zur Opiumtinktur, die zwar ein alkoholischer Pflanzenauszug, aber dennoch ein Pflanzenauszug und zudem hochwirksam ist. Es gibt also schon diverse Abstufungen, was die Wirksamkeit angeht und natürliche eine große Bandbreite an Anwendungsgebieten.

AZ:
Wann spricht man von einem Arzneitee und wann nicht?

Dr. Peter Sandmann:
Grundsätzlich ist es so, dass beispielsweise Thymian an sich immer die gleiche Wirkung hat, die Frage ist aber, welche Qualitätsansprüche man an einen Tee stellt und in welcher Dosis die wirksamen Bestandteile im Tee enthalten sind.
Wenn ich einen Arzneitee in der Apotheke kaufe, kann ich mich darauf verlassen immer eine sogenannte „arzneibuchkonforme“Qualität zu bekommen. Das heißt, der Wirkstoffgehalt ist vorgeschrieben, ebenso wie viel Prozent nicht arzneilich-wirkende Bestandteile der Pflanze mit dabei sein dürfen. Wenn man den Tee irgendwo anders kauft, kann
man sich nicht sicher sein, wie hoch der Anteil an wirksamen Stoffen im Tee ist.

AZ:
Mit Tee lässt sich viel bewirken, als Arzneimittel ist er dennoch nicht sehr geläufig. Woran liegt das?

Dr. Peter Sandmann:
Bis in die 80er Jahre hinein war Tee sehr weit verbreitet und auch als Arzneimittel beliebt. Es ist dem Zeitgeist geschuldet, dass man sich nicht mehr die Zeit nimmt, krank zu sein. Mit diesem Zeitgeist geht sicher auch einher, dass das Brühen von Tee einfach zu lange dauert und der Tee nicht schnell genug hilft.
Man kann die Wirkung von Tee nicht mit einem Medikament wie beispielsweise Aspirin Komplex, das sehr schnell Wirkung zeigt, vergleichen. Es ist natürlich angenehm, wenn durch die Einnahme eines Pulvers oder einer Pille die Beschwerden sehr schnell verschwinden.
Die Art und Weise, wie solche Medikamente wirken, ist aber durchaus umstritten. Sich Tee aufzubrühen und in Ruhe zu trinken, hat auch damit zu tun, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und bewusster mit einer Erkrankung umzugehen. In diesem Zusammenhang lässt sich gerade bei Familien schon eine Art Retro-Trend und ein neues positives Bewusstsein für Tee beobachten.
Man versucht, es erst einmal langsam und auf die naturheilkundliche Art anzugehen und wenn das wirklich nicht hilft, kann man immer noch zum Arzt gehen und verschreibungspflichtige Medikamente zu sich nehmen.
Wann kommt Tee denn an die Grenzen seiner Wirksamkeit? Bei jeder Erkrankung gibt es eine Grenze, bei der man mit der Selbstmedikation aufhören muss. Das betrifft aber nicht nur Tee, sondern alle verschreibungsfreien Arzneimittel. Wenn ein Husten nach vier, fünf Tagen immer noch nicht besser geworden ist, sollte der Arzt abklären, ob da nicht mehr dahinter steckt.
Das Gleiche gilt für Blasen und Nierenbeschwerden: Wenn nach drei bis vier Tagen das Trinken von Blasen- und Nierentee nicht angeschlagen hat, sollte man auf jeden Fall einen Arzt aufsuchen.

AZ:
Woran kann man die Qualität von Tee erkennen?

Dr. Peter Sandmann:
Grundsätzlich ist es schwierig, da konkrete Tipps zu geben, weil heutzutage die Arzneimittel-Landschaft gerade im Bereich von Tee so breit aufgegliedert ist, dass man als Laie schwer erkennen kann, ob es sich um einen wirksamen Arzneitee oder um einen Wellness Tee mit einer angegeben Pseudowirkung handelt.
Wenn man auf Nummer sicher gehen möchte, kann man das eigentlich nur am Verkaufsort festmachen. Tee, der in einer Apotheke verkauft wird, muss als Arzneitee gewissen Qualitätsansprüchen genügen. Das ist woanders nicht der Fall. Dabei ist es egal, ob man den Arzneitee in einer Versandapotheke oder eine Apotheke vor Ort bezieht, seine Zusammensetzung wurde vorher geprüft. Preislich macht das auch keinen großen Unterschied zu Tee aus dem Geschäft. Wenn man also einen Tee mit hoher Wirksamkeit haben möchte, ist die Apotheke die erste Wahl.

Tee trinken heißt: sich Zeit für sich selbst zu nehmen!

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